Leseprobe von Der Elbische Patient

Hallo Ihr Lieben,

hier gibt es eine Leseprobe zu meinem Buch :-). Ich habe das Kapitel „Lebenszeichen“ ausgewählt (das 8. Kapitel der Geschichte), weil dort zum ersten Mal eine richtige Interaktion zwischen den beiden Protagonist:innen zustande kommt. Und natürlich fliegen dabei sofort die Fetzen.

Ich hoffe, es gefällt Euch!

Die Leseprobe lässt sich hier herunterladen: PDF

Altmodische Arztinstrumente: ein Zaubertrank, eine Pinzette, eine Spritze, ein Skalpell
Ein Arsenal an Arztinstrumenten. Das Skalpell bekommt Iònatan einige Male zu spüren.

Was bisher geschah:

Klara hat als spezialisierte Heilerin gegen Flüche den Auftrag, ihren Feind, Kronprinz Iònatan Ryunòr, zu heilen. Dieser wurde von einem Fluch getroffen und ist todkrank. Aber leider ist Iònatan ein schwieriger Patient …

Kapitel 8 — Lebenszeichen

Schmerz. Ein ekliges, heißes Pochen. Es sprengte seinen Kopf, schnitt wie ein Messer in seine Brust, nahm ihm den Atem. Iònatan stöhnte und schlug die Augen auf.
Zu seiner Überraschung lehnte sich die Hexe, die vor ein paar Wochen seine Drachenklinge überlebt hatte, gerade über ihn.
Panik durchzuckte ihn. Er riss beide Hände hoch, um eine Abwehrposition einzunehmen – zumindest versuchte er das. Aber seine Arme gehorchten nicht, er schaffte nicht, sie mehr als ein paar Zentimeter zu heben, bevor sie wieder nutzlos herunterfielen.
Sie muss mich paralysiert haben!
Er öffnete den Mund, um zu schreien, aber es kam nur ein unterdrücktes Stöhnen heraus.
Hektisch ließ er seine Augen herumwandern, um irgendetwas zu finden, dass ihm helfen könnte. Aber sie waren allein in dem Raum – mein Zimmer! Das ist fatal! Wie hat sie es geschafft, trotz meiner Alarme und Wachen hier hinein zu kommen?
Ihm brach der Schweiß aus. Tötet sie mich jetzt?
Sein Blick suchte wieder ihre Augen.
Sie lächelte mitfühlend und ergriff seine Hand – sofort durchflutete ihn eine Welle warmer, tröstender Magie. Gegen seinen Willen entspannte er sich etwas. Die andere Hand legte sie auf seine Stirn, was sich angenehm kühl anfühlte. »Lord Ryunòr«, sagte sie, »Willkommen unter den Lebenden.«
Er verstand nicht. Er hätte sie allzu gern gefragt, was das Ganze sollte, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht. Also begnügte er sich damit, die Lippen fest aufeinanderzupressen und vernehmlich durch die Nase auszuatmen.
»Ein alter Fluch wurde auf Sie gelegt und Sie sind krank.«
Fluch? Sein Kopf schmerzte, er konnte kaum denken, zwang sein müdes Hirn aber trotzdem dazu. Fluch … Ein Bild erschien vor seinem geistigen Auge … eine Person … Eleanor Macalister!
Plötzlich war ihm alles klar. Er erinnerte sich, an die Auseinandersetzung, den Schmerz in seiner Brust und wie er mit der blutenden Wunde aus dem Fenster gesprungen war.
Wie aus der Ferne erklang Miss Morrigans Stimme: »Ich werde Sie jetzt nicht mit Details überfordern – das tue ich, sobald Sie wieder zu Kräften gekommen sind – deshalb hier nur eine kleine Zusammenfassung. Da die hiesigen Ärzt:innen überfordert waren, hat Ihr Vater mich beauftragt, Sie zu heilen.«
Sie beugte sich über ihn und lächelte freundlich. »Keine Sorge, ich bin Ärztin und hier, um Ihnen zu helfen, nicht um Ihnen zu schaden. Also entspannen Sie sich bitte ein wenig.«
Iònatan dachte nicht daran, sich zu entspannen. Wieso hilft sie mir? Bei unserer letzten Begegnung waren wir Feind:innen und ich habe versucht, sie zu töten.
Er hatte die hasserfüllten Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte, nicht vergessen. Es ergab keinen Sinn, dass sie die Seiten gewechselt zu haben schien.
Sie hatte wohl seine Verwirrung bemerkt. »Ich bin immer noch auf Seiten Aomòris«, erklärte sie. »Aber ich bin hier, weil Ihr Vater und ich vereinbart haben, dass unsere Gefangenen freigelassen werden, wenn es mir gelingt, Sie zu heilen.«
Das überzeugte ihn nicht. Wieso will sie mein Leben – das Leben des Thronfolgers – gegen die Freiheit von einer Handvoll unfähiger Magier:innen tauschen?
Aber das bisschen Kraft, das ihn wachgehalten hatte, verließ seinen Körper allmählich, und Müdigkeit machte sich breit. Seine Gedanken verschwammen.
Er schloss die Augen und versuchte, die aufsteigende Übelkeit zu ignorieren, aber in seinem Kopf drehte sich alles.
»Ruhen Sie sich aus. Ich versichere Ihnen, die Kraft wird mit der Zeit zurückkehren. Aber jetzt brauchen Sie erst einmal Schlaf.«
Iònatan driftete weg.
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Die nächsten Tage waren entspannt für Klara. Nachdem der erste Anfall überstanden war, hatte sie Zeit, sich von den Strapazen der langen Nacht zu erholen.
Regelmäßig kontrollierte sie, wie es ihrem elbischen Patienten ging, sie wusch ihn und lagerte ihn um, aber ansonsten gab es zwischen den Krankheitsanfällen nicht viel zu tun. Wenn er zu heiß vom Fieber war, wirkte sie einen Kühlungszauber über seine Stirn. Der Fluch war stärker als alles, was sie bislang behandelt hatte, und das Fieber ließ trotz Zaubertränken und Menschenmedizin nicht dauerhaft nach.
Da das mit der Infusion bestens funktioniert hatte, ließ sie ihn am Tropf angeschlossen. In einigen Aspekten war die pragmatische Menschenmedizin der Magieheilkunst überlegen.
Beim Gedanken daran konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie ist es ironisch, den großen Menschenhasser so abhängig von Menschentechnik zu wissen.
Hin und wieder wachte Ryunòr auf, aber seine Kraft reichte nur dazu, sie für ein paar Minuten mit weit aufgerissenen Augen anzuschauen. Dann nickte er meist wieder ein.
Während Ryunòr schlief, sah Klara sich gründlich in seinem Zimmer um, aber das meiste interessierte sie nicht sonderlich. Langweiliger, pompöser Luxus, wie überall hier im Schloss.
Sie schlich zu seinem Schreibtisch und ruckelte an den Schubladen, aber zu ihrer Enttäuschung waren sie durch einen Zauber versiegelt.
Ihr Blick fiel auf eine kleine Zeichnung, die an seinem Pult lehnte. Sie zeigte eine schwarzhaarige Elbin mit fröhlichen, gelben Augen und ähnlich dunklem Teint wie Ryunòr. Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und lachte breit. Das Bild gefiel Klara, es bildete einen angenehmen Kontrast zur Anonymität des restlichen Zimmers.
Das ist bestimmt seine Freundin, dachte sie. Komisch, sie sieht fast so aus wie er. Sie musste leise lachen. Das passt zu ihm. Klarer Fall von Narzissmus.
Alles in allem blieb ihr viel Zeit, sich zu langweilen. Ihre Freund:innen fehlten ihr. Zu Hause war Klara durch ihre Tätigkeit als Ärztin täglich von so vielen Leuten umgeben, dass sie froh über jede Minute war, die sie allein hatte, aber hier fühlte sie sich doch einsam. Sie sehnte sich nach einem richtigen Gespräch und nicht nur dem täglichen: »Guten Morgen, es ist alles in Ordnung, aber es gab noch keine große Veränderung«, das sie mit Ryunòrs Vater austauschte, auch wenn ihr der alte Herr zugegebenermaßen nicht unsympathisch war.
Sie fragte sich, was Bendix gerade trieb. Ihr Körper sehnte sich nach einer Trainingseinheit mit ihm. Meist tobten sie sich ein paar Stunden aus, um dann in der Sauna über ein Buch, das Bendix gerade las, oder über Klaras klägliche Versuche von einem Liebesleben zu reden.
Auch Lucie fehlte ihr. Klara fragte sich, an was für einer verrückten Erfindung sie diesmal herumschraubte. Hoffentlich zerlegt sie nicht wieder die komplette Wohnung!
Das letzte Mal, als Lucie mit hydrodynamisch angetriebenen Robotern experimentiert hatte, hatte sie wegen eines Lecks die halbe Wohnung unter Wasser gesetzt. Seitdem wellten sich ihre Tapeten von den Wänden.
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Es kostete Iònatan immer noch lächerlich viel Mühe, seine Arme zu heben, was das Wirken der meisten Zaubersprüche um ein Vielfaches erschwerte, abgesehen davon, dass selbst die simpelsten Zauber mehr Energie erforderten, als er momentan zur Verfügung stehen hatte.
Es war unerträglich. Für seine Notdurft gab es eine Bettpfanne, die von den Diener:innen geleert wurde, was ihm jedes Mal die Schamesröte ins Gesicht trieb. Nur wer krank ist, begreift, wie großartig unser Abwassersystem ist, dachte er.
Er konnte nur lesen, wenn er eine Diener:in bat, ihm das Buch zu halten und die Seiten auf Kommando umzublättern – ein nicht gerade ansprechendes Szenario. Deshalb ließ er es meistens und starrte an die Decke. Mittlerweile hatte das Muster des Stucks sich in seine Augäpfel eingebrannt, und er konnte sich auch mit geschlossenen Augen jedes Detail der Zimmerdecke ins Gedächtnis rufen.
Selten sang ein Buchfink draußen, aber meist blieb es still.
Iònatan war froh, wenn er im Halbschlaf dämmerte, ohne denken zu müssen, aber seine geistige Kraft kehrte immer mehr zurück und verlangte nach Beschäftigung.
Leider war die einzige Unterhaltung, die er momentan hatte, Miss Morrigan dabei zuzusehen, wie sie seine Verbände wechselte oder Tränke braute. Letzteres tat sie auch nur in seinem Zimmer, weil er es so angeordnet hatte. Das war purer Selbstschutz – nicht, dass mir diese Hexe noch unbemerkt Gift hineinmischt! Iònatan hatte zwar kaum Kenntnisse der Alchemie, aber er fühlte sich sicherer, wenn er ihr dabei über die Schulter schauen konnte.
Sie sprach fast nie mit ihm und wenn, dann nur über Notwendigkeiten, mit verächtlich verzogenem Gesicht.
Ja ja, dachte er frustriert, ich habe mittlerweile verstanden, dass du mich hasst, du kannst dir deinen grimmigen Blick jetzt sparen.
Er sog scharf die Luft ein. Die merkwürdigen roten Punkte auf seinen Armen juckten, und zwar heftiger als jeder Mückenstich.
Iònatan hasste Mückenstiche. Noch mehr hasste er allerdings, dass seine Arme so bleiern und nutzlos waren. Er wollte kratzen, die Nägel tief bis in das Blut hineinbohren, doch die matten Muskeln ließen dies nicht zu.
Aber diese Hexe werde ich nicht um Hilfe bitten, dachte er und biss sich auf die Zunge, um sich mit dem Schmerz vom Jucken abzulenken.
Er betrachtete sie – sie hatte ein ärmliches, salbeifarbenes Kleid an. Es wirkte plump, so als wäre es nicht direkt auf sie zugeschnitten worden. Er nahm an, dass sie sich ein besseres nicht leisten konnte – stimmte das also mit der ›ordinären Zauberfamilie‹, was Kaèl ihm versucht hatte weiszumachen?
Allerdings spürte er immer, wenn sie im Raum war, ihre magische Signatur, manchmal so heftig, dass sein ganzer Körper zum Schwingen gebracht wurde. Miss Morrigan strömte über vor magischer Energie. Vielleicht ist ihre Familie ein verarmtes Geschlecht mit arkaner Macht, aber wenig Geld und Einfluss. Es muss so sein, wie hätte sie sonst meine Drachenklinge überlebt?
Es wunderte ihn, dass ihre Tätigkeit ihr nicht genug Geld für eine angemessene Garderobe einbrachte. Ist Aomòri so ruiniert, dass sie nicht einmal ihre Ärzt:innen vernünftig bezahlen?
Er stöhnte leise auf. Das Jucken war wieder da! Schnell biss er sich auf die Zunge, bis er Blut schmeckte.
Um sich davon abzulenken, beobachtete er wieder Miss Morrigan. Ständig hielt sie ihren Kopf schief, eine eindeutige Unterwerfungsgeste, aber merkwürdigerweise wirkte sie trotzdem nicht unterlegen oder ängstlich, wenn sie mit ihm interagierte.
Im Gegenteil. Sie hielt sich an keinerlei Etikette, rang sich nicht einmal ein höfliches Lächeln ab, um ihm Respekt zu zollen. Es ärgerte ihn. Sie sollte Angst vor mir haben. Wenn ich nur meine alte Kraft hätte, ich würde ihr zeigen, was Angst ist!
Iònatan hielt inne.
Was tue ich hier? Ich sollte mir weniger Gedanken über sie machen.
Mit Sicherheit hat sie nur durch Glück meine Attacke überlebt!
Ja … bestimmt hat sie nur Glück gehabt.

Der Zweifel in ihm nagte jedoch weiter, und er schloss resigniert die Augen.
Es kann doch nicht sein, dass sie mächtigere Zaubersprüche beherrscht als ich.
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Nachmittags klopfte es verhalten an ihrer Tür. Sie öffnete und sah Iùkio Mòri vor sich stehen.
Er trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, lächelte sie aber freundlich an. »Lord Ryunòr Senior weist Sie darauf hin, dass hier in der Regel immer um sieben diniert wird. Er würde sich freuen, wenn Sie die Güte hätten, ihm heute im Speiseraum Gesellschaft zu leisten.«
Oh nein, auch das noch, dachte Klara. Die Aussicht auf einen Abend mit der Crème de la Crème aus Ryumàr – denn wer sonst würde im Schloss dinieren? – ließ ihr den Schweiß ausbrechen.
Sie neigte sich Mister Mòri verschwörerisch zu und flüsterte: »Muss ich wirklich dahin?«
Er wirkte überrascht. »Sie sind eine freie Magierin. Aber was haben Sie denn dagegen? Das Essen soll köstlich sein.«
Sie wiegte den Kopf hin und her und deutete an sich hinunter. »Na ja, schauen Sie mich doch mal an. Sieht so eine Lady aus? Ich glaube nicht, dass ich dorthin passe, da sind doch wahrscheinlich die ganzen Adeligen unter sich.«
Er lachte. »Versuchen Sie es doch einfach. Es kann Ihnen doch nichts Schlimmes passieren, wenn Sie einmal hingehen. Vielleicht ist es sogar interessant.«
Klara nickte langsam. »Ihre Worte in Muriels Ohr.«
Innerlich seufzte sie. Was habe ich mir da eingebrockt? Mein Leben wird von ›Ja‹ zu ›Ja‹ schwieriger.
Den Rest des Nachmittags verbrachte sie damit, die wenigen Kleidungsstücke, die sie mitgebracht hatte, in verschiedenen Kombinationen vor dem Spiegel auszuprobieren. Zufrieden war sie mit keiner, aber sie entschied sich für ein sandfarbenes Kleid, das sie am Rücken mit einer Schleife zuband. Dann kämmte sie sorgsam ihr strohiges Haar glatt und versuchte, mit Lippenstift und Schminke Schielblick und Nase zu kaschieren.
Auf dem Weg zum Speisesaal krampfte sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Verdammt, Klara, das hier ist ein Essen, kein Gang zum Schafott!
Ihr war bewusst, dass ihre Angst lächerlich war, aber sie konnte ihre Gefühle dennoch nicht kontrollieren. Klara malte sich im Vorhinein immer die schlimmsten Szenarien aus, mit dem Effekt, dass sie dann vor Angst wie gelähmt war. Sie hasste sich selbst für diese Eigenschaft. Schade, dass ich nicht so locker bin wie Lucie, dachte sie und strich zum dritten Mal ihre feuchten Hände am Kleid trocken.
Andererseits kamen ihre Sorgen auch nicht von nichts. Ihre Behinderungen zogen oft kritische Blicke auf sich, und wenn sie neue Leute kennenlernte, hatte sie deshalb das Gefühl, sich lässiger geben zu müssen, als sie war. Es war, als müsste sie immer ein wenig mehr Leistung bringen, um dieselbe Menge an Anerkennung zu bekommen, ein Zustand, der sie auf Dauer ermüdete.
Warum kümmert mich, ob sie mich mögen? Ich mag sie ja auch nicht, diese Kriegstreiber!, dachte sie, von sich selbst genervt.
Als sie an der imposanten Tafel ankam, traf sie auf Iùkio Mòri, der ihr aufmunternd zuzwinkerte. »Miss Morrigan, ich bringe Sie zu Ihrem Platz.« Dann fügte er flüsternd hinzu: »Sehen Sie, es ist doch gar nicht so schlimm hier.«
Klara sah das zwar nicht, sie freute sich aber trotzdem, dass er so aufmerksam war.
Verstohlen schaute sie sich um. An der großen Tafel saßen Elb:innen und Zauber:innen zusammen und Klara erkannte unter den Gesichtern einige der höchstrangigen Adeligen aus ganz Finistère. Die ganzen menschenhassenden Mörder:innen auf einem Haufen.
Ihre Schultern verspannten sich, und sie richtete sich auf, um eine möglichst stolze Haltung einzunehmen.
Mister Mòri führte sie an einen Platz rechts neben Ludòiku Ryunòr, der ihr fest die Hand schüttelte. »Miss Morrigan, wie schön! Wie geht es unserem Patienten?«
Sie lächelte. »Er kann sich schon wieder beschweren, das ist meist ein gutes Zeichen.«
Lord Ryunòr lachte höflich.
Die Elbin, die neben Ludòiku Ryunòr saß, beugte sich vor. »Ah, Sie sind die Heilerin!« Sie musterte Klara abschätzig von oben bis unten und setzte dann ein freundliches Lächeln auf, aber ihre Augen blieben hart. Sie hatte lange, wellige schwarze Haare und herausstechend grüne Augen, die erstaunlich hell für ihren sonst dunklen Hauttyp waren. Ihr Gesicht war ebenmäßig und sie trug eine figurbetonte, bordeauxfarbene Robe mit einem schmalen Gürtel um ihre makellos schlanke Taille.
Klaras Stimmung sank. Diese Lady war genau das, was sie sich immer gewünscht hatte zu sein, und doch niemals sein könnte. Ihr Leben muss so angenehm sein, schoss es ihr durch den Kopf.
Sie würgte sich ein höfliches »Es ist mir eine Ehre, Mylady« heraus und hoffte, dass sie damit ihre Ruhe hatte.
Die Frau nickte ihr zu. »Ich bin Prìssika Kàshiko, Iònatans Verlobte. Ludòiku hat mir das meiste erzählt, aber ich mache mir Sorgen. Wie schätzen Sie das ein, wird er überleben?«
»Er ist auf dem Wege der Besserung«, erklärte Klara, um einen beruhigenden Tonfall bemüht. »Ich dachte zwischendurch kurz, ich würde ihn verlieren, aber den ersten Anfall hat er überstanden. Und jetzt müssen wir weitersehen.«
Lady Kàshikos Augen blitzten. »Was heißt hier, ›müssen wir weitersehen‹? Ich dachte, Medizin sei eine exakte Wissenschaft in der Sie wissen, welche Schritte als Nächstes zu ergreifen sind?«
Klara lächelte ihr aufmunternd zu – zumindest hoffte sie, dass das, was sie ihren Gesichtsmuskeln abrang, einem freundlichen Lächeln glich. Am liebsten jedoch hätte sie die Lady links liegen gelassen. »Lady Kàshiko, Ihr Verlobter ist sehr krank, und das, was er jetzt durchgestanden hat, ist leider nur der Anfang. Ich versichere Ihnen, dass ich alles versuchen werde, um ihn zu heilen.«
Sie schaute Klara an wie ein Insekt, das sie am liebsten zerquetscht hätte. »Oh, da bin ich aber beruhigt, dass Sie zumindest versuchen werden, ihn zu heilen.«
Die heftige Antwort irritierte Klara. Was habe ich denn falsch gemacht, dass sie so wütend auf mich ist?
Sie beschloss, sich den Kommentar nicht zu Herzen zu nehmen – was nicht klappte – und sich auf ihr Essen zu konzentrieren. Mister Mòri hatte schon recht, wenigstens das Essen ist gut, dachte sie, als sie ein Stück Artischocke in die Sauce tunkte. Dabei vermied sie, irgendwen bewusst anzublicken, um keine weiteren Fragen anzuziehen. Manchmal machte Lord Ryunòr eine freundliche Bemerkung in ihre Richtung, aber er schaffte nicht, ihre Laune wieder zu heben.
Du tust ja auch nichts dafür, dass der Krieg aufhört. Da kannst du dir deine Freundlichkeit auch schenken.
Die Gespräche um sie herum waren langweilig. Ab und an machten einige Individuen, die Klara besonders nervig fand, gemeine Kommentare über Abwesende und ernteten damit gehässiges Gelächter der anderen. Sie ging in die innere Emigration und atmete auf, als endlich der Nachtisch gebracht wurde.
Aus Frust aß sie – unter den konsternierten Blicken einiger Adeliger – gleich zwei Portionen von dem Schokoladensoufflé, sie brauchte jetzt Zucker.
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Nach dem Debakel im Speisesaal wollte sie zukünftig lieber allein essen. Deshalb blieb sie die nächsten Abende, zu Mister Mòris Enttäuschung, in ihrer Kammer neben Ryunòrs Zimmer.
Sie durchforstete seine Bücher. Fast alle beschrieben zerstörungsmagische Angriffszauber, also nicht gerade ihr Interessensgebiet. Zusätzlich waren viele der Bücher auf elbisch verfasst. Zwar hatte Klara in der Schule gelernt, die beinahe ausgestorbene Schriftsprache zu lesen, aber es war mühsam, die fremden Zeichen zu entziffern. Muriel, muss er sich was auf seine Herkunft einbilden, wenn er sich freiwillig diesen umständlichen Quatsch antut!
Ihre innere, rationale Stimme sagte ihr zwar, dass es für spätere Schlachten von Nutzen war, den Inhalt der Bücher zu kennen, um so vielleicht ein paar Ideen für effektive Konter zu entwickeln, andererseits war sie gerade wirklich nicht in Stimmung für so komplizierte Texte oder Überlegungen. Es war anstrengend genug, nicht zu Hause zu sein.
Ein paar Minuten versuchte sie, sich darauf zu konzentrieren, aber ihre Gedanken drifteten immer wieder ab. Irgendwann gab sie auf. Sie verdrehte die Augen und warf das Buch in die Ecke, wo es mit zerknitterten Seiten liegenblieb.
Dann beschloss sie – nicht ohne schlechtes Gewissen – lieber ein paar Stärkungstränke auf Vorrat zu brauen, denn Ryunòr würde einige brauchen, um rechtzeitig für den nächsten Anfall wieder zu Kräften zu kommen.
Ihr machte das Brauen von Tränken Spaß. Es war meditativ, die einzelnen Zutaten in dem Mörser zu zerstoßen, bis sie ein gleichmäßiges Pulver bildeten. Sie sang dabei leise vor sich hin und vergaß beinahe ihre feindliche Umgebung.
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Einmal täglich wechselte sie seine Verbände – er hatte immer noch die große Wunde quer über seinem Oberkörper. Sie versuchte dabei, seine trainierten Bauchmuskeln nicht zu sehr anzustarren, was ihr allerdings schwerfiel. »Und ich dachte, Adelige hätten es nicht so mit Sport«, grummelte sie vor sich hin.
»Wie bitte?«
Klara blickte erschreckt auf und direkt in seine violetten Augen.
Er wirkte belustigt. Verdammt, er ist aufgewacht. Hat er das etwa gehört? Ihr wurde heiß, und sie versuchte, sich schnell wieder auf den Verband zu konzentrieren.
Hoffentlich schläft er gleich wieder ein, dachte sie inständig.
Ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. »Es freut mich, dass Ihnen meine Muskeln gefallen«, sagte er, die Augenbrauen spöttisch hochgezogen, »ich habe auch viel dafür getan. Stellen Sie sich vor, ich wurde vor ein paar Monaten von so einer Verrückten angegriffen, und das in meinem eigenen Heim. Unglaublich. Seitdem praktiziere ich täglich Kampfsport, anscheinend kann selbst ein Zerstörungsmagier nie vorsichtig genug sein.« Er grinste sie an.
O Muriel … Sie schaute weg, um ihre aufsteigende Röte zu verbergen. In ihr wirbelte alles durcheinander: Du bist doch der Verrückte, der seine Drachenklinge auf mich geworfen hat! Sie schluckte die Worte aber hinunter. Hier ist alles sowieso schon kompliziert genug.
Ryunòr wurde wieder ernst. »Ich würde gern ins Bad, mich waschen und etwas Normales anziehen.«
Es musste ihm wirklich besser gehen. Aber selbstständig aufstehen? Das erschien ihr doch etwas viel. »Das müssen Sie nicht allein tun, für mich ist das Routine, meine Patient:innen zu waschen, das habe ich auch bei Ihnen jeden Tag gemacht.«
Energisch schüttelte er den Kopf. »Nein, das möchte ich selbst tun.« Einer seiner Mundwinkel zog sich nach oben. »Auch wenn es Ihnen sicherlich gefallen würde, das für mich zu erledigen.«
Klara fühlte ihre Wangen jetzt glühen.
»Fein, dann bringe ich Sie ins Bad.«
Ryunòr sah abschätzend an ihr herab. »Wollen Sie nicht lieber eine der Diener:innen holen? Ich bin wahrscheinlich ziemlich schwer für jemanden Ihrer Statur.«
Klara lächelte. »Machen Sie sich da keine Sorgen – zufällig trainiere auch ich fast täglich Kampfsport. Außerdem bin ich seit Jahren Heilerin und Sie sind nicht der schwerste Patient, den ich bewegt habe.«
Er nickte zögerlich und sie legte seinen Arm um ihren Nacken, um ihn aufzustützen. Wieder brandete eine angenehme Welle der Magie in ihr auf, als ihre Körper sich berührten, aber mittlerweile hatte sie gelernt, es sich nicht anmerken zu lassen.
Nach ein paar geübten Handgriffen hatte sie ihn aufgerichtet und neben sie auf die Füße gestellt. Er schaute sie mit offenem Mund an. »Verdammt, wie schafft eine so kleine Person wie Sie, so viel Kraft aufzubringen?«
Klara konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis. Ich nutze etwas, das nennt sich Magie, das kennen Sie wahrscheinlich noch nicht.«
Er warf ihr einen tödlichen Blick zu. Sie musste zugeben, das konnte er gut. So gut, dass sie den Impuls zu fliehen unterdrücken musste. Mein Gott Klara, reiß‘ dich zusammen, dieser Typ kann nur stehen, weil du ihn aufrecht hältst.
»Nein, jetzt im Ernst, es gibt einen Zauber, der sich ›magische Kraftverstärkung‹ nennt. Der unterstützt alle meine Bewegungen und gibt mir mehr Kraft, als mir meine bloßen Muskeln zur Verfügung stellen. Sehr nützlich für kleine Ärztinnen.«
Ryunòr griff sich an den Kopf. »So haben Sie das damals gemacht! Ich habe mich tagelang gefragt, wieso ich nicht fähig war, Sie von meinem Rücken abzuschütteln!«
Klara lachte auf. »Man muss seine Vorteile nur zu nutzen wissen. Sollen wir es jetzt gemeinsam versuchen?«
Sie merkte, dass er Mühe hatte, sein Gewicht zu halten, aber sein Zustand war erstaunlicherweise viel besser als an den Tagen zuvor. Unkraut vergeht nicht, dachte sie.
Sie hievte ihn ins Bad und schloss die Tür hinter ihm. »Rufen Sie, wenn Sie etwas brauchen!«
Als Ryunòr die Tür wieder öffnete, kam ihr eine warme Wolke angenehmen Bergamottedufts entgegen und sie ertappte sich dabei, wie sie versuchte, mehr vom Geruch zu erhaschen.
Er sah zwar immer noch erschöpft, aber viel gepflegter aus. Die nassen, halblangen schwarzen Haare hatte er ordentlich hinter seine Elbenohren zurückgekämmt und sich eine elegante dunkelgraue Hose angezogen. Sein Oberkörper war immer noch frei – diesmal schaute Klara demonstrativ nicht hin.
Sie lief zu ihm und half ihm, sich ins Bett zu legen. Als Nächstes legte sie ihm mit schnellen Griffen den Verband über die Wunde und half ihm, eine frisch gewaschene Tunika überzuziehen.
»Jetzt fühle ich mich besser!«, sagte er. »Nun müssen Sie mir aber ein paar Fragen beantworten, Miss Morrigan!«
Sein herrischer Ton gefiel ihr nicht. Mit den neuen Kleidern hatte er sich wieder in den arroganten Prinzen verwandelt, für den sie ihn gehalten hatte. »Das hängt davon ab, ob ich Lust habe, Ihre Fragen zu beantworten!«, sagte sie und presste die Lippen aufeinander.
Daraufhin zog er irritiert die Brauen zusammen, aber er ging nicht auf ihre Bemerkung ein.
»Was ist mit mir passiert?«
»Ich weiß nicht genau, wieso und was Sie getan haben, aber Sie scheinen irgendwen mit ausgeprägten Fähigkeiten der Zerstörungsmagie wütend gemacht zu haben. Diese Person hat Sie mit einem alten Fluch belegt – Sie sind verdammt.«
Er seufzte entnervt. »Verdammt? Das sagt mir nichts. Drücken Sie sich genauer aus!«
In Klara brodelte es. Und du, Snob, sei etwas höflicher zu mir! Sie riss sich aber zusammen. In ein paar Wochen bin ich hier weg und Kaèl wieder bei Bendix. Also bleib‘ ruhig, Klara …
»Das ist ein Fluch«, erklärte sie bemüht deutlich, »der darauf ausgerichtet ist, sein Opfer langsam zu töten. Die magische Krankheit besteht aus drei wiederkehrenden Wellen, die von Mal zu Mal an Stärke zunehmen. In der Regel tritt der Tod am Ende der dritten Welle auf.«
Er räusperte sich. »Heißt das, dass ich jetzt geheilt bin und die Anfälle überstanden habe?«
Sie schüttelte den Kopf. »Leider nein. Das, was Sie durchgestanden haben, war lediglich der erste Anfall. Ihnen stehen in den nächsten Wochen noch zwei weitere bevor – und die werden nicht angenehm. Ich bin hier, um zu versuchen, Sie währenddessen, soweit es mir möglich ist, am Leben zu halten.«
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Klara freute sich auf ihr Gespräch mit der Heimat. Sie hatte mit Lucie und Bendix ausgemacht, einmal pro Woche per Hologramm miteinander zu sprechen, und heute war die erste Woche endlich herum.
Klara lächelte innerlich bei dem Gedanken daran, dass die Ryunòrs sie bestimmt am liebsten dafür töten würden, dass sie eine Kommunikation mit Bendix vom Schloss aus führte, aber sie wusste, dass ihr Leben sicher war, solange sie ihren Zweck erfüllte.
Als sie den Hologrammzauber wirkte, hielt sie vor Spannung den Atem an. Hoffentlich klappt das mit dem Gespräch über so große Distanzen! Erleichtert atmete sie auf, als das Hologramm Bendix‘ und Lucies Gesichter zeigte. Die beiden waren eng auf Lucies Sofa zusammengerückt, damit Klara beide auf einmal im Bild hatte. Sie winkte ihnen euphorisch. »Hallo Bendix! Oh, hallo Lucie!«
Die beiden winkten zurück. »Na, wie geht es unserer Abenteuerärztin im Feindesland?«, fragte Bendix grinsend.
»Sagen wir es mal so …« Klara seufzte. »Ich freue mich darauf, euch wiederzusehen. Wie geht es euch?«
»Mir geht es klasse!« Lucie strahlte. »Ich hab‘ einen neuen Auftrag, ich soll elektrische Lampen für Menschen entwickeln. Damit zukünftig auch jeder Mensch in Aomòri nachts Bücher lesen kann, gänzlich ohne Kerzen. Das reduziert die Brandgefahr in Städten drastisch!«
»Hattest du uns nicht so etwas Ähnliches für unseren … äh … Schlossbesuch … gebastelt?«
Lucie nickte. »Ja, aber das war nur ein Prototyp, jetzt werde ich groß damit herauskommen!«
Bendix‘ Kopf tauchte wieder im Bild auf. »Wir vermissen dich und deine Krankenhausgeschichten, Klara. Wir haben jetzt sogar angefangen, zusammen Arztromane zu lesen.«
Klara legte den Kopf schief. »Was sind Arztromane?«
Bendix errötete. »Ach, das sind Geschichten mit spannenden medizinischen Fällen und vor allem vielen leidenschaftlichen Irrungen und Wirrungen. Die waren vor ein paar Jahren der letzte Schrei in Lindenreich und jetzt verkaufen sie die Bücher endlich auch in Tukàta. Du hast uns gar nicht erzählt, wie heiß es in so einem Krankenhaus her geht.« Er zwinkerte ihr zu.
Schön wär’s, dachte sie. Nichts ist meinem Leben gerade ferner als Leidenschaft …
»Ach so, deiner Rosinante geht es gut. Mittlerweile hat sie sich an mich gewöhnt, ein paar Leckerlis wirken da Wunder und –«
»Gemästet hat er sie!«, unterbrach ihn Lucie. »Sie hat richtig Fett angesetzt und mag sich kaum mehr bewegen.«
Bendix machte eine abwehrende Handbewegung. »Quatsch, das ist nur ihr Winterfell, Lucie!«
Klara war entsetzt. »Waaas? Aber du solltest ihr doch nur Gemüse und Heu –«
»Aber sie mag meine selbstgebackenen Haferkekse so gern!«
»Keine Sorge, Klara«, rief Lucie, »ich passe jetzt auf, dass der Herr« – sie warf Bendix einen strengen Seitenblick zu – »keine Dummheiten mehr macht. Erstaunlich, wenn es nach ihm geht, kann sein Körper nicht ›Heiligtum‹ genug sein, aber so ein Pferd, das darf Leckerlis futtern, bis es platzt … Weißt du, was er jetzt macht? Er baut Aroniabeeren an, mörsert sie klein und isst das als ›Wunderessen‹. Er schwört Stein und Bein, dass die nahrhafter sind als Heidelbeeren.« Sie verdrehte die Augen.
Klara kicherte. Sie begutachtete Bendix‘ durchtrainierten Körper und sagte: »Diese Wunderbeeren hat er immerhin sehr gut angelegt.«
Bendix spannte seinen Bizeps an. »Ich freue mich auf das Training mit dir – kommst du im Exil eigentlich zu deinen täglichen Übungen?«
Klara wurde heiß. »Sagen wir, ich bin ein wenig hinterher … hier ist viel zu tun.«
»Klara! Mach wenigstens ein paar Liegestütze und Dehnungsübungen. Du musst dran bleiben an deiner Trainingsroutine. Und vergiss nicht, täglich zu meditieren!«
»Hmm«, machte Klara und nestelte an ihrem Kleid.
Eine Weile sagte keine etwas, dann räusperte Lucie sich.
»Ach, Klara. Ich hab‘ an diesem Wochenende Simon gesehen. Bevor es dir irgendeine andere erzählt … er scheint wieder mit einer auszugehen.«
Die Worte fühlten sich an wie kleine Stiche in ihrem Herzen. Sie blinzelte ein paar Mal, zwang sich aber dann, tapfer zu lächeln. »Das ist schon in Ordnung, Lucie. Ich hatte mir so etwas gedacht und ich komme damit klar. Es tut ganz gut, ein wenig Distanz von ihm zu haben.«
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Als sie das nächste Mal in Ryunòrs Zimmer kam, um seine Werte zu messen, drückte er mit jeder seiner Gesten und Blicke Verachtung aus. Sie versuchte, es zu ignorieren und ihre Arbeit zu erledigen.
Als sie einen neuen Beutel mit Schmerzmittel an seinen Tropf hängte, grinste er falsch. »Könnten Sie mir bitte auch ein wenig von den gemahlenen Wunderbeeren hineintun? Ich fühle mich gerade nicht so wohl in meinem ›Heiligtum‹.«
Er hat das Gespräch also abgehört – wie wenig überraschend.
Bendix, Lucie und sie hatten, bevor Klara nach Ryumàr reiste, bereits darüber nachgedacht, dass ihre Kommunikation höchstwahrscheinlich nicht sicher war. Deshalb hatten sie sich darauf verständigt, nichts von Aomòris derzeitiger politischer Lage oder anderen, für die Feind:innen interessanten Themen, preiszugeben. Vor allen Dingen jedoch durfte keine etwas von Bendix‘ und Kaèls Beziehung erfahren.
Sie versuchte, nicht auf Ryunòrs Andeutung zu reagieren, aber er legte nach: »Ich muss sagen, so einen schlechten Geschmack hätte ich selbst Ihnen nicht zugetraut, Miss Morrigan. Eine Freundschaft mit diesem Mörder!«
Wut kroch in ihr hoch. »Ist es Mylord recht, wenn ich weitermache und den Verband wechsle, oder möchte Mylord zuerst noch mehr Unsinn von sich geben?«
»Nur zu! Ich kann verstehen, dass Sie gern schnell fertig sind, um Ihrem Simon noch eine gute Nacht zu wünschen. Immerhin haben Sie sich seit über einer Woche nicht mehr gesehen – er fehlt Ihnen bestimmt schrecklich.«
Mit gespieltem Erschrecken schlug er eine Hand vor den Mund. »Ach nein, wie gedankenlos von mir, es ist ja laut Lucie nicht mehr Ihr Simon. Er amüsiert sich ja anderweitig. Da bin ich ja froh, dass Sie meinten, dass Sie darüber hinweg sind.«
Klara kochte. Am liebsten hätte sie ihn geschlagen, sie hielt sich aber mit ihrem letzten bisschen Selbstkontrolle zurück.
Er beobachtete sie aufmerksam, und dabei wurde sein selbstzufriedenes Grinsen immer breiter.
Es war, als legte sich in ihr ein Schalter um: Sie konnte seinen Ausdruck nicht mehr ertragen. Sie wirkte, beinahe unbewusst, einen Schlafzauber auf ihn und er sackte auf dem Bett zusammen.
Ihr erstes Gefühl war Erleichterung. Endlich gibt dieser Typ Ruhe! Dann setzte ihr Verstand wieder ein. Verdammt! Das hätte ich nicht tun sollen! Das wird Ärger geben …
Egal, rückgängig machen ließ es sich nicht – sie musste das jetzt also durchziehen.
Der sympathische Diener, Mister Mòri, kam herein, alarmiert von der Präsenz des nicht abgesprochenen Zaubers und deutete fragend auf das Bett, auf dem Ryunòr wie ein Toter lag.
Sie setzte eine Unschuldsmiene auf. »Das ist ein Schlafzauber. Er braucht seine Kraft.«
Als er sich vergewissert hatte, dass mit Mylord alles in Ordnung war, trat er neben Klara. »Ich wünschte, ich hätte manchmal den Mut, so etwas zu tun«, murmelte er.
Fast hätte sie laut gelacht.
Sie schaute zu ihm und hob die Brauen. »Merken Sie sich das doch für die Zukunft!«
Er seufzte. »In der Regel ist er in der Lage, sich zu wehren, und das wollen Sie nicht miterleben.«
Jetzt konnte sie das Grinsen nicht mehr unterdrücken. »Dann habe ich ja den besten Moment erwischt.«
Sie lachten beide leise, und er ging – nach einer respektvollen Verbeugung in ihre Richtung – wieder auf seinen Posten.
Sie sah ihm hinterher. Wirklich gar nicht so übel, der Typ. Ein bisschen zu jung für mich, aber sympathisch. Vielleicht sollte ich doch mal ein wenig Schminke auflegen …
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Am nächsten Morgen wurde sie von zwei Wachleuten unsanft geweckt. »Lord Ryunòr will mit Ihnen sprechen. Sofort!«
Sie rappelte sich verwirrt auf und folgte den beiden, nur im Nachthemd bekleidet, in sein Zimmer.
Er saß aufrecht auf dem Bett – das muss weh tun, mit seiner Wunde, dachte sie abwesend – und kochte anscheinend vor Wut, denn seine Kiefer mahlten und seine Augen blitzten. Selbst in seinem angeschlagenen Zustand wirkte er beängstigend, aber sie versuchte, sich ihr Erschrecken nicht anmerken zu lassen.
»Was sollte das gestern?«, bellte er sie an.
»Ich habe versucht, Ihr Leben zu retten!«
Fragend hob er eine Augenbraue.
»Hätten Sie noch ein paar Sekunden weitergeredet«, erklärte sie, »hätte ich meinen Pazifismus vergessen und Sie eigenhändig erwürgt. Und zwar auf eine sehr schmerzhafte Art und Weise, nicht so sanft wie beim letzten Mal.«
Eine der Wachen zuckte zusammen und versuchte – mit wenig Erfolg – ein Lachen zu unterdrücken.
Ryunòr knurrte. »Wenn Sie so etwas noch einmal tun, kann ich weder für Ihr noch für das Leben der Gefangenen garantieren. Sie werden sich in Zukunft also zusammenreißen mit Ihren kleinen Zaubertricks!«
Sie funkelte ihn an. »Und Sie werden mit Ihren Kommentaren über mein Privatleben aufhören, wenn Sie weiterhin eine kompetente Ärztin an Ihrer Seite wissen wollen.«
»Über kompetent lasse ich mit mir reden, wenn Sie mich wiederhergestellt haben«, erwiderte er eisig.
Sie versuchte ein Lächeln. Immerhin die beste Methode, deinem Feind die Zähne zu zeigen. »Schön. Ist das alles? Darf ich jetzt gehen und mir etwas anderes anziehen?«
Belustigt schaute er auf ihr Nachthemd und dann auf seinen eigenen Krankenhauskittel. »Ich persönlich hätte ja nichts gegen Partnerlook, aber wir wollen ja nicht schon wieder über Geschmack streiten.«
Klara konnte sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen. Schnell ging sie zur Tür.
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Nach der Diskussion sackte Iònatan in sich zusammen. Er war zufrieden mit seinem Auftritt – hatte er doch zeitweise die Angst in Miss Morrigans Augen blitzen sehen – aber es war anstrengend gewesen. Sein Körper fühlte sich kalt an, aber er war zu kraftlos, seine Decke über sich zu ziehen. Er versuchte, trotz der inneren Kälte ein wenig zu schlafen.
Als er wieder aufwachte, war er zugedeckt und eine angenehme Woge der Magie lief durch seinen Körper.
Sie ist hier.
Er drehte den Kopf – Miss Morrigan zermörserte wieder Zutaten für einen der Tränke. Wie immer hielt sie dabei den Kopf schief. Mittlerweile hatte er herausgefunden, dass dies keine Geste der Unterwerfung, sondern Ausdruck ihrer Schwerhörigkeit war.
Hatte sie ihm die Decke zurechtgelegt? Wie so oft redete sie nicht und schaute ihn auch demonstrativ nicht an.
Iònatan ertrug es nicht, so abhängig von ihr zu sein. Er musste es schaffen, die Kontrolle über seine Situation zurückzugewinnen. Es wäre von Vorteil, wenn ich mehr über sie herausfände, allein um etwas gegen sie in der Hand zu haben. Sie ist immerhin eine Kämpferin des Widerstands. Ich muss mich schützen!
Er verstand ihre genauen Motive immer noch nicht, und diese Ungewissheit brachte ihn zur Weißglut.
Mittlerweile wusste er, dass sie aus eigenem Antrieb heraus handelte und nicht offiziell aus Aomòri geschickt worden war, aber ihm fehlten zu viele Informationen, um sich einen Reim daraus zu machen.
Zunächst hatte er ja ein Liebesmotiv vermutet, eine Beziehung mit irgendeinem der Gefangenen. Wer an die Freiheit des Willens glaubt, hat nie geliebt. Aber seit ihrer letzten Kommunikation über Hologramm hatte er diese These verworfen.
Was tun Sie hier? Wieso helfen Sie mir?
Miss Morrigan hob den Blick. »Was meinen Sie damit?«
Oh verdammt. Habe ich das gerade laut gesagt?
Er verbarg seine Überraschung unter der glatten Maske, die er sich über Jahre antrainiert hatte. »Ich verstehe es nicht. Als wir uns das letzte Mal begegnet sind, wollten Sie auf den Tod nicht kooperieren. Und genau das tun Sie jetzt. Natürlich, es gibt diese Gefangenen, aber einmal ehrlich: so ein paar Magier:innen werden Ihnen auch nicht helfen, in Zukunft Schlachten zu gewinnen, sobald wir alle Blutsteine haben. Wenn ich aber hier verende, und der Thron meiner Mutter leer bliebe, dann –«
Sie ließ ihn nicht ausreden: »Ob eines Tages Sie das Erbe Ihrer Mutter antreten oder irgendeine andere, verändert meiner Meinung nach nicht viel. Geschichte wird nicht von einigen wenigen Individuen geschrieben, sondern ist die Entladung der Stimmung der gesamten Bevölkerung. Und die ist momentan fatal, so oder so. Alles ist vergiftet von Hass und Angst.«
Wut stieg in ihm hoch. Glaubt sie etwa, ich bin austauschbar? Wie unverschämt!
Sie verstand wohl einfach nicht genug von Regierungsgeschäften. Er zwang sich dazu, ein paar Mal ruhig durchzuatmen. Vielleicht ist es besser so, zumindest im Moment, wo ich völlig abhängig von ihr bin.
Iònatan schloss kurz die Augen, um das bisschen Energie, das ihm in seinem angeschlagenen Zustand zur Verfügung stand, zu sammeln.
Und jetzt erfahre ich, was Klara Morrigan wirklich will.
Mit einem entschlossenen Sprung tauchte er in ihren Geist ein.
Ihre Gedanken zu lesen, war anstrengender als erhofft. Einerseits war er erschöpft, andererseits glich ihr Gehirn einem komplizierten Irrgarten. Es gab keine klaren Pfade, jeder ihrer Gedanken bündelte sich in mehrere Seitenstränge wie ein sich mit seinen Ästen in alle Richtungen streckender Baum.
Beim Drachen, ihr Kopf ist auch kein angenehmerer Ort als meiner, dachte er.
Er änderte die Taktik und folgte statt Gedanken nun Emotionen – meist erfuhr er auch damit alles, was er wissen wollte. Deshalb folgte er dem Zentrum einer großen emotionalen Aufregung und sah … ein kleines rothaariges Mädchen mit einer blutigen Nase weinend in der Ecke eines Schulzimmers sitzen.
Einige Kinder umringten es und schrien: »Schielauge, Hexennase!« Ein größerer Junge baute sich vor ihr auf und wedelte mit einer Federmappe vor ihrem Gesicht herum. »Na, willst du deine neue Mappe wiederhaben, Schielauge?« Dann nahm er einen Buntstift nach dem anderen heraus und ließ ihn magisch über ihr zerbersten, so dass die Holzsplitter in ihr Gesicht rieselten.
Das ist … interessant … aber nicht das, was ich brauche.
»Verschwinden Sie aus meinem Geist!« Die ihm voller Hass entgegen geschleuderte Botschaft hallte durch jeden ihrer Gedanken.
Er schickte ihr ein Kurzes: »Erst wenn ich finde, was ich suche!«, entgegen und wühlte sich in tiefere Schichten.
Da war etwas in ihren frühen Erinnerungen. Etwas Obskures, Bedrohliches, eine tiefe Erschütterung, die alles verändert hatte. Es lockte ihn, klebrig wie dunkler Honig. Aber so sehr Iònatan sich auch mühte, es war, als hielte ihn eine unsichtbare Barriere zurück, und die Bilder blieben unscharf.
Sie verdrängt, dachte er.
Dort gab es kein Weiterkommen, deshalb schlug er einen anderen, neueren Pfad ein. Und sah … Kaèl vor sich, wie er in einer von ihr ausgemalten, dunklen und schmutzigen Zelle saß.
Innerlich musste er über die Verdrehung der Tatsachen lachen. Wenn sie wüsste, wie luxuriös dieser Pfau es in seiner Zelle hat!
Interessanterweise sah er sich daneben, mit einer Peitsche in der Hand, wie er sie mit glühenden Augen fixierte. Dann hat sie doch Angst vor mir, dachte er befriedigt.
»Ah, so starke Schuldgefühle«, murmelte er, während er weiter suchte, »weil Sie den armen Kaèl allein zurückgelassen haben – wie überaus tragisch.« Er linste zu ihr – sie war kreidebleich, anscheinend hatte er mit seiner Bemerkung voll ins Schwarze getroffen.
»Ja«, sagte er und verkniff sich ein Lächeln, »das war nicht sonderlich ehrenhaft von Ihnen, Ihren Freund so allein leiden zu lassen. Aber damit haben Sie wenigstens mir eine Freude bereitet … Kaèl und ich hatten viel Spaß zusammen.«
»Raus, Sie Dreckskerl!«
Ihr Schrei klingelte in seinen Ohren – sofern man das von geistigen Schreien so sagen konnte – aber er hatte Blut geleckt.
»Da ist noch etwas anderes … Ah, Sie wollen Kaèl für einen anderen retten, einen Freund … seinen Geliebten.« Interessant, ich wusste gar nicht, dass Kaèl schwul ist, aber das erklärt natürlich, warum seine spießige Familie so enttäuscht von ihm ist. Aber wer zum Henker ist der Mann, der sich Kaèl so dringend zurückwünscht?
Plötzlich kappte sie die Verbindung. Alle seine weiteren Versuche, in ihren Geist einzudringen, scheiterten.
Sie keuchte, offensichtlich erschöpft von der geistigen Anstrengung, und taxierte ihn mit vor Hass glimmenden Augen. »Sie werden das nie wieder tun. Sonst lasse ich Sie verrecken!«
Er spielte die Karte, die er sich geholt hatte: »Dann wird Kaèls Geliebter aber unglücklich sein.«
»Genauso wie Sie. Wenn ich Ihnen nicht helfe, werden Sie die nächsten beiden Anfälle nicht überleben.«
Damit knallte sie die Tür zu ihrer Kammer zu und ließ sich den Rest des Tags nicht mehr blicken.
Er fühlte sich erschöpft und unzufrieden mit sich selbst. Sein Vorstoß hatte nichts Nutzbares zum Vorschein gebracht und die Stimmung auf einen erneuten Tiefpunkt gedrückt.
Und mehr als das, Miss Morrigan hatte nicht nur seine Telepathieattacke bemerkt, sondern auch noch gelernt, Iònatan aus ihrem Kopf zu verbannen, was bedeutete, dass er in Zukunft außerstande war, Telepathie gegen sie zu nutzen.
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In ihrer Kammer angekommen warf Klara sich auf das Bett, dass die Federn ächzten. Sie fluchte leise. Diese Schwäche hätte sie sich nicht erlauben dürfen. Sie hatte gewusst, dass Ryunòr sich wie ein Bluthund auf alles stürzen würde, was er gegen sie, Kaèl oder Aomòri nutzen könnte, und trotzdem hatte sie nicht aufgepasst. Was, wenn er Bendix‘ und Kaèls Beziehung entdeckt hatte?
Wenn die Ryunòrs herausfinden, dass Bendix Kaèls Geliebter ist, drehen sie durch. Bestimmt quälen sie Kaèl dann, um sich zu rächen!
Vor einigen Jahren hatte Bendix einen Verwandten der Ryunòrs im Krieg getötet. Bendix meinte, es sei Notwehr gewesen – die Ryunòrs hingegen hatten es als Mord deklariert. Wie auch immer es gelaufen war, es war fatal. Bendix war in ganz Ryumàr gesucht unter Androhung der Todesstrafe.
Hoffentlich, dachte sie, hoffentlich hat er nichts davon gesehen. Bendix würde ausflippen.
Klara erstarrte. Was, wenn er das Andere gesehen hatte? Ihr Herz wummerte. Ich wäre geliefert!
Sie zog sich die Decke über den Kopf. Ich muss besser aufpassen! Es ist gefährlich hier …
Obwohl sie von der geistigen Anstrengung erschöpft war, konnte sie vor Sorgen lange nicht schlafen. Wenn ich wenigstens wüsste, wie es Kaèl geht … Irgendwie war es verrückt. Kaèl war ihr hier räumlich so nahe und doch so fern.
Es würde sie beruhigen, wenn sie ihn wenigstens einmal besuchen könnte, aber sie hatte Angst, durch eine entsprechende Anfrage die Aufmerksamkeit ihrer Feind:innen auf ihn zu lenken. Sie hoffte aus ganzem Herzen, dass es Kaèl gut ging.
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Am nächsten Morgen sagte Miss Morrigan kein Wort, während sie ihre Routinekontrolle durchführte. Ihre Bewegungen wirkten kraftlos und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Die gesamte Zeit schaute sie starr auf ihre Utensilien und Iònatan nicht ein einziges Mal an.
Er spürte ihre schwelende Wut – aber auch Furcht – durch die magische Verbindung genau. Unerwarteterweise bedrückte ihn dieses Gefühl, ihm war dadurch am gesamten Körper unwohl.
Am liebsten hätte er sein unnötiges Unterfangen von gestern rückgängig gemacht, was natürlich nicht möglich war.
Als es an der Zeit war, seinen Verband zu wechseln – was sie mit einem Blick tat, der kaum genervter sein konnte –, fasste er sich ein Herz.
»Klara. Ich möchte mich für mein Verhalten gestern entschuldigen. Ich hätte nicht versuchen sollen, deine Gedanken zu lesen. Das war respektlos dir gegenüber. Ich habe mir diese Technik angewöhnt, um bei meinen Untergebenen einzuschätzen, ob sie ehrlich mit mir sind. Aber ich sehe ein, dass du nicht meine Untergebene bist, und werde das in Zukunft unterlassen.«
Sie lief rot an, und die Adern an ihrem Hals traten hervor. »Ich bin nicht ›Ihre‹ Klara. Ich habe Ihnen nicht das Du angeboten!«
Jetzt packte ihn der Zorn. Hatte sie überhaupt registriert, dass er – Iònatan Ryunòr – sich gerade bei ihr entschuldigt hatte?
Er überlegte, mit welcher Art von Bemerkung er sie am meisten verletzen konnte, besann sich aber eines Besseren. Es würde sowieso nichts nützen, das Thema weiterzuverfolgen.
Mittlerweile war Miss Morrigan mit dem Verband fertig geworden. Mit säuerlich verzogener Miene packte sie ihre Sachen zusammen und war im Begriff, wieder zurück in ihre Kammer zu gehen. Wahrscheinlich, um den Rest des Tages nicht mehr herauszukommen.
»Miss Morrigan«, rief er hastig, um zu verhindern, dass sie sich davonmachte. Zu seiner Erleichterung blieb sie stehen. Jetzt musste er nur noch die richtigen Worte finden.
»Ich weiß, dass Sie mich nicht mögen«, improvisierte er, »und ich könnte mir auch eine angenehmere Gesellschaft vorstellen, aber wir müssen die nächsten Wochen miteinander auskommen. Mich persönlich würde freuen, wenn wir das schaffen könnten, ohne uns permanent anzuschweigen oder gedanklich zu ermorden.«
Sie schaute ihn – zum ersten Mal nach dem Streit – direkt an, mit einer Mischung aus Belustigung und Verachtung in den Augen. »Und was stellen Sie sich vor … wollen Sie jetzt auch noch mit mir über das Wetter reden?«
»Natürlich nicht, ich hasse derlei seichtes Geplauder und –«
»Gut, dann wären wir schon mal zwei!«, fiel sie ihm ins Wort. »Meine Aufgabe hier ist es, Sie zu heilen. Nicht, Sie zu unterhalten. Wenn Ihnen langweilig ist, dann orientieren Sie sich doch bitte woanders – wofür haben Sie eine Verlobte und Freund:innen? Lassen Sie sich doch von denen bespaßen!« Der letzte Satz war ausgespuckt vor Verachtung.
»Es geht hier nicht ums Bespaßen, Miss Morrigan. Es geht hier um Vertrauen. Ich habe keine Lust, mich von einer behandeln zu lassen, die mich die gesamte Zeit mit Blicken foltert. Dann kann ich gleich wieder in die Schlacht ziehen.«
Daraufhin lachte sie leise. »Wenn Sie zukünftig mein Privatleben und meine Gedanken in Ruhe lassen, dann werden Sie sich nicht mehr wie auf dem Schlachtfeld fühlen, in Ordnung?«
Sie hielt inne. »Warten Sie kurz – ich habe eine Idee!«, und rannte in ihre Kammer.
Was zum Henker hat sie jetzt vor?
Zwei lange Minuten später kam sie freudestrahlend mit einem Pergament in der Hand hinaus. »Ich weiß, wie wir miteinander auskommen werden! Ich habe eine Liste mit allen Themen angelegt, über die wir nicht sprechen sollten! Sie können gern weitere Punkte hinzufügen.« Dabei grinste sie ihn breit und schadenfroh an.
Iònatan setzte sich auf. Verflucht, tut diese Wunde noch weh! Er zwang sich, den Schmerz, der durch seine Brust zuckte, zu ignorieren und riss ihr das Pergament aus der Hand. Ungeduldig überflog er die Zeilen und wurde dabei immer ärgerlicher. Am Ende hielt er ihr wortlos das Papier hin und funkelte sie an.
Sie nahm es wieder an sich. »Irgendwelche Ergänzungen von Ihrer Seite?«
Iònatan lachte dunkel. »So lang wie die Liste ist, hätten Sie besser eine mit den wenigen Themen anfertigen sollen, über die wir Ihrer Meinung nach überhaupt sprechen dürfen.«
Sie grinste. »Gute Idee.«
Iònatan verdrehte die Augen. »Das wird nichts bringen. Wir beide sind sehr unterschiedliche Charaktere und durch die äußeren Bedingungen aufeinander geworfen. Das gefällt Ihnen nicht, und mir nicht, aber wir müssen das akzeptieren. Ich wette darauf, dass wir – selbst wenn wir uns penibel an Ihre Liste hielten – weiterhin aneinandergerieten.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg eisig.
»Schauen Sie«, setzte er an, »… hm, wie erkläre ich das am besten …« Da kam ihm eine Idee. »Genau! Holen Sie das rote Buch in der Mitte des kleinsten Regals, das mit den satirischen Bildergeschichten!«
Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Ein ›bitte‹ wäre nicht schlecht!«
Er verdrehte die Augen. »BitteDa haben wir es wieder, drei Sätze und schon ein Knall.
Miss Morrigan kehrte mit dem Buch zurück. Er blätterte, bis er die richtige Seite fand, und hielt ihr das aufgeschlagene Buch hin. »So ist das mit den ›harmlosen‹ Themen – wenn zwei streiten wollen, dann streiten sie selbst über Gartenbau!«
Mit zusammengekniffenen Augen las sie den Witz, in dem ein Krieger mit seiner Frau eine Feier von Freund:innen besuchen will und dafür ein Arsenal an Waffen einpackt. Seine Frau – genervt von den Prügeleien früherer Feste – verlangt, dass er sich diesmal zurückhält, weil sie sich einen friedlichen Abend wünscht. Sie verbietet ihm, ›gefährliche‹ Themen wie Politik oder Religion anzusprechen, und rät, stattdessen über ›Gartenbau‹ zu reden.
Als sie am Haus der Gastgeber:innen ankommen, fliegen ihnen schon die geworfenen Stühle entgegen und die gesamte Festgesellschaft streitet sich bereits heftig – über Gartenbau.
»Das ist nicht wirklich lustig!«, grummelte sie. Trotzdem zuckte einer ihrer Mundwinkel verräterisch nach oben.
Iònatan lachte in sich hinein. »Wir werden ja sehen, wie gut wir mit Ihrer Liste fahren.« Er zwinkerte ihr zu. »Und bevor ich es vergesse – setzen Sie doch bitte noch seichtes Geplauder mit drauf.«