Was ist ein Arztroman?

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In meinem Buch gibt es unzählige Hinweise auf „Arztromane“: Klaras Freunde verschlingen die Dinger und selbst an gewissen adeligen Elben gehen sie nicht vorbei. Viele von Euch fragen sich jetzt bestimmt: „Was zum Teufel ist ein Arztroman?“ und: „Wieso nervt die Autorin uns damit?“

Hier gibt es einen Erklärungsversuch 🙂

Mitten während des Schreibens fiel mir auf, dass mein Buch einige Ähnlichkeiten zu einem klassischen „Arztroman“ aufweist (jaaa, dieses auf allen Ebenen billige Groschenheftchen, das an jedem Kiosk oder Zeitschriftenladen herumliegt): wir haben eine Ärztin, Klara, (okay, es ist ungewöhnlich, dass die Ärztin eine Frau ist) die einen attraktiven Patienten heilt. Und natürlich kommt die Liebe dabei nicht zu kurz *hüstel*.

Um zu recherchieren, habe ich mir damals ein paar dieser Groschenheftchen zugelegt, und hatte große Freude daran, sie anderen mit verstellter Stimme vorzulesen oder vorgelesen zu bekommen. Nicht, weil der Plot so fesselnd war, sondern eher weil der Stil und vor allem die Tiefe der Klischeekiste so unmöglich waren. Faszination des Schreckens, oder so. Das scheint irgendwas in mir ausgelöst zu haben: Von da an konnte ich es nicht lassen, immer wieder kleinere Anspielungen auf „Arztromane“ fallen zu lassen.

Aber nun erstmal von vorn: Was genau ist eigentlich ein Arztroman?

Wenn Ihr so etwas wie „Der Medicus“ (link) von Noah Gordon im Kopf habt: Nein, Ihr liegt ganz falsch!

Arztromane (zumindest das Gros, das von seinen über 95% weiblichen Leser:innen verschlungen wird) sind Groschenheftchen, Trivialliteratur. Sie behandeln (unter dem Deckmäntelchen von Krankengeschichten) meist stereotype Liebesgeschichten im Arzt- und Klinikmilieu. Und die meist männlichen und weißen Ärzte sind mit Herzblut dabei, wie z.B.:

Dr. Stefan Frank — er ist der Arzt, dem alle Frauen vertrauen. Doch dieser wunderbare Arzt kümmert sich nicht nur um die Patienten, die in seiner Praxis Rat und Hilfe suchen, sondern er sorgt sich auch um das Seelenheil der Menschen, die sich ihm anvertrauen. Er stellt die Interessen seiner Patienten stets höher, als seine eigenen Wünsche.

[Die Beschreibung ist wortwörtlich von Bastei Lübbe übernommen — muss ich da noch mehr zu sagen?]

Die überwiegende Publikationsart dieser Arztromane ist der Heftroman, und jede Geschichte hat genau 64 Seiten.

Was ist eigentlich ein Arztroman? Hier ein Cover von der bekanntesten Arztromanserie "Dr. Norden"
Hier ist Dr Norden wie er leibt und lebt. Ein kompetenter „echter“ Mann

Die erfolgreichste deutschsprachige Arztromanreihe ist die seit 1973 erscheinende Serie Dr. Norden von Patricia Vandenberg.

Laut dem Kelter Verlag, der Dr. Norden herausbringt:

Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie, und das schon seit 40 Jahren. Jeder Roman ist in sich abgeschlossen. Mehr als 1.100 Romane dieser Serie wurden bereits geschrieben. Deutlich über 200 Millionen Exemplare verkauft!

Warum lese ich das?

Erstmal: ich „lese“ das nicht wirklich, ich seziere ^^. Es ist unfassbar lustig, sich gegenseitig diese Romane vorzulesen. Man stößt auf so viele Klischees, dass einer schwindlig wird und immer, wenn man denkt, es ginge nicht tiefer, wird man eines Besseren belehrt. Ich „liebe“ es, wie Arztromane uns durch ihre durch und durch repetitiven Sätze an die Hand nehmen, damit wir auf keinen Fall übersehen, was eigentlich Sache ist.

Hier ein paar Beispiele:

„Du Idiot, schrie er wütend“ [Hui, da war wohl jemand wütend? Ja, ich liiieeebe Adverbien!] [Beim Friseur] „Ach Gottchen, ach Gottchen! Was schneit denn da für ein trauriges, verkümmertes Pflänzchen herein?“ Ein etwa dreißig- oder vierzigjähriger Mann, der wie die völlige Karikatur eines Homosexuellen aussah, kam auf sie zugetänzelt, schüttelte seine schmalen Hände, als hätte er sie sich an einer heißen Herdplatte verbrannt und blickte Franziska mit gekräuselter Nase von oben bis unten an. [Erstmal: Wow, durchatmen. Diese Person ist die erste queere Person, die jemals in einem Arztroman, den ich gelesen habe, erwähnt wurde. Und dann … das! Hätte es schlimmer sein können?!]

Auch schön ist, dass auf jeder zweiten Seite noch einmal wiederholt wird, dass die Krankenschwester „bildhübsch ist“ bzw. der junge Assistenzarzt „attraktiv“. „Bildhübsch“ und „jung“ sind sowieso fast alle relevanten Frauen in den Geschichten (und davon gibt es wenige und nur ganz selten sind sie so etwas wichtiges wie Ärztinnen). Sonst erfährt man nicht viel über sie, außer, dass ihre Frauenherzen bei hilfsbedürftigen Kinderpatient:innen vor Mitleid vergehen. Man kann schon ahnen, dass sie ihren zukünftigen Göttergatten (Ober- oder Chefärzte) eine vorbildliche Hausfrau und Mutter abgeben werden.

Entsprechend gestaltet sind auch die Cover

Wir leben also in einer Welt der Fünfziger, mit kompetenten, engagierten Männern und bildhübschen Krankenschwestern oder Patientinnen, die danach lechzen, durch Liebe geheilt zu werden.

Titel wie:

  • … doch sie vergaß die Liebe. Aber es ist noch nicht zu spät für Bibiane!
  • Sie trug sein Bild in ihrem Herzen
  • Es gibt noch Liebe, Natalie

… zeigen eines: Die Liebe hat einen riesigen Stellenwert in Arztromanen. Anscheinend müssen sich zwei (es sind immer zwei! Und sie sind immer hetero!) nur finden, und dann lösen sich alle weiteren Probleme in Luft auf. Dieses Weltbild schüttelt mich — allerdings sind die meisten Sommer- oder Winter-Liebesromanzen da auch nicht wirklich anders und die gelten als „Literatur“ :-/

Meine Meinung zu Arztromanen:

Aus stilistischer Sicht ist es … gewöhnungsbedürftig. Es ist anstrengend, wenn einer alles wieder und wieder vorgebetet wird, und eine den Plot schon nach drei Seiten erraten kann.

Allerdings ziehe ich meinen Hut davor, dass die Autor:innen es vollbringen, alles so einfach darzustellen. Ich kann einen Arztroman 6 Wochen aus der Hand legen (was ich oft tue, denn mehr als 3 Seiten am Stück kann ich mir nicht geben!) und habe keinerlei Probleme, wieder in die Geschichte hineinzufinden. Ob das jetzt gut ist? Wahrscheinlich eher nicht. 😉

Aus inhaltlicher (feministischer) Sicht ist es einfach nur gruselig. Es stimmt mich traurig, dass dieses Konzept immer noch zieht, aber der Leser:innenstrom reißt nicht ab, anscheinend wünschen sich viele Menschen eine solche „heile“ Welt (zurück?).

Arztromane aus marginalisierter Perspektive

Als behinderter Mensch, der bereits einige Operationen und Behandlungen hinter sich hat, kann ich den Wunsch „es kommt ein kompetenter Arzt (hier, um den Arztromanen Tribut zu zollen einmal die männliche Form) und macht alles gut“ nachvollziehen (ich hatte und habe ihn auch oft!). Gute, motivierte Ärzt*innen können einen signifikanten Unterschied machen, und wir bräuchten mehr davon — bzw. in erster Linie bräuchten wir ein anderes Gesundheitssystem! Allerdings lässt sich nicht alles durch medizinische Hilfe kitten, bzw nicht alle Abweichungen von der Norm können oder müssen „geheilt“ werden.

Aber leider ist es das, was der Arztroman uns vorgaukelt. Dabei wird selten beschrieben wie es im Krankenhaus wirklich ist — das Blut, der Eiter, die Schmerzen, der Kot, unangenehme Gerüche, Blähungen, nervige, AfD wählende Bettnachbar:innen, gruselige Fernsehprogramme im Hintergrund, Übelkeit, Kotzen, chronisches Leiden, Hoffnungslosigkeit, die aller Medizin zum Trotz hoffnungslos bleibt etc.

Nein, im Roman werden die Unannehmlichkeiten verschwiegen und das, was noch nicht „geheilt“ ist, wird durch den Krankenhausbesuch oder durch die Liebe (TM) wieder gut.

Auch stört mich, dass diese „Liebe“ immer nur jungen und bildhübschen Menschen widerfährt — hat der Rest der Welt etwa nicht verdient, geliebt zu werden?

Genau aus dem Grund zieht mich diese „leichte Lektüre“* runter denn ich kann mich nicht mit diesen perfekten Figuren identifizieren und fühle mich nach so einer Lektüre leerer, als zuvor (auch ein Grund, warum ich mir Arztromane nur in kleinen Dosen verabreichen kann). Und ich denke, mit dem Gefühl bin ich nicht allein.

*) Übrigens. Auch wenn der Artikel primär dem Genre „Arztroman“ gewidmet ist — die klassische Sommer- oder Winterromanze, die von“seriösen“ Verlagen gedruckt wird, ist was ihre „perfekten“ Figuren angeht auch nicht viel besser, wie dieser „schöne“ Monolog, von einem Typ mitten WÄHREND der Sexszene gehalten, beweist:

Du verwirrst mich, Andy Malone. Du siehst zwar aus wie ein Engel, bist aber eine verlockende Versuchung. Dein kehliges Seufzen klingt nicht wie ein himmlischer Chor, sondern wie geballte Lust. Mit deinen goldschimmernden Haaren und dem opalisierenden Teint verströmst du kühle Distanz, gleich einer unnahbaren Göttin, trotzdem schmilzt du unter meinen Zärtlichkeiten dahin wie Eiskristalle in der Sonne […][original zitiert aus: Zum Glück verführt , Blanvalet Verlag] Und, von allen Frauen/Engelsklischees abgesehen: WER REDET SO BEIM SEX?!?

Ich freue mich über Euren Input!

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